Am 16. September 2026 hielt auch unser FmR-Mitglied Oberst i.G. Sönke M., Abteilungsleiter im Zentrum Digitalisierung der Bundeswehr bei der Fachkonferenz “TechNet Europe 2026” von AFCEA Europe in Berlin einen Grundsatzvortrag zum Thema “When Will War Be War?”.
Dabei forderte er vor allem eine Abkehr vom traditionellen “linearen” Denken bei der Planung sowie Führung von Operationen und stattdessen eine “multidimensionale” Denkweise, welche Oberst i.G. M. “konsequenzbasiertes” Denken nennt: Grundgedanke hierbei ist, daß ein Gegner reagieren, ausweichen, umgehen sowie lernen wird – wie tatsächlich, d.h. die “Konsequenzen” werden sich erst nach der Planungsphase im Rahmen der konkreten Durchführung von Operationen herausstellen.
“Lineares”, wirkungsbasiertes Denken, das Wirkung als planbare Kausalkette –“Nutze Ressource A, erreiche Wirkung B und damit Endzustand C” – betrachte, funktioniere dagegen nur solange das Ziel lediglich ein “Objekt” ist – z.B. eine Brücke, ein Radar oder ein Server, reiche aber nicht aus, um auf einem Schlachtfeld zu gewinnen, auf dem Gegner, d.h. “Subjekte” auf verschiedene Arten reagieren können.
Darüber hinaus sprach sich Oberst i.G. M. nachdrücklich gegen die Etablierung einer sechsten, “kognitiven” Domäne bzw. Dimension neben Land, Luft, See, Cyber- und Informationsraum sowie Weltraum aus: Der menschliche Verstand selbst sei und könne kein Operationsraum sein, weil eine Domäne bzw. Dimension eine Kategorie von Zuständigkeit sowie Zielerfassung sei, während der menschliche Verstand im vollständigen Kausalitätssinn die übergeordnete Ebene sei, unter der in allen Domänen bzw. Dimensionen überhaupt Operationen geführt werden: “Krieg beginne im Gehirn und ende im Gehirn.”
Lesen Sie hier eine englischsprachige Meldung über diesen Vortrag bei “SIGNAL”, der offiziellen Internet-Seite von AFCEA International: Shifting Away From Effect-Based Thinking: ‘War Is Not Billiards’
Anmerkungen der Redaktion:
“Kognitive” Kriegsführung (“Cognitive Warfare”) stellt den menschlichen Verstand selbst als Operationsraum dar. Das Ziel ist es dabei nicht, Waffensysteme oder Infrastruktur zu zerstören, sondern die Art und Weise zu manipulieren, wie Menschen denken, Informationen verarbeiten sowie Entscheidungen treffen. Sie geht damit weit über klassische psychologische Operationen (“PsyOps”) bzw. Operative oder Strategische Kommunikation (“OpCom/StratCom”) hinaus, da sie moderne Neurowissenschaften und digitale Technologien kombiniert.
Während im Cyber- und Informationsraum u.a. die technische IT-Infrastruktur (Hard-/Software) sowie Informationen das Angriffsziel sind, zielt kognitive Kriegsführung direkt auf die menschliche “Software” – das menschliche Gehirn:
- Wahrnehmung verzerren: Fakten und Desinformation werden so vermischt, daß Zielgruppen (Zivilbevölkerung, Soldaten oder politische Führer) die Realität falsch einschätzen;
- Vertrauen untergraben: Gezielte Kampagnen schwächen das Vertrauen in staatliche Institutionen, Medien, Wissenschaft sowie demokratische Prozesse;
- Gesellschaften spalten: Bestehende soziale, politische oder kulturelle Bruchlinien in einer Gesellschaft werden künstlich vertieft, um das Land von innen heraus zu destabilisieren;
- Entscheidungsprozesse lähmen: Durch Informationsüberlastung oder gezielte Verwirrung werden Entscheidungsträger handlungsunfähig gemacht.
Dazu werden u.a. nachfolgende Methoden und Technologien eingesetzt:
- “Social” Media & Algorithmen: “Microtargeting” nutzt persönliche Daten, um maßgeschneiderte Narrative direkt in die “Feeds” anfälliger Nutzergruppen zu spielen;
- Künstliche Intelligenz (KI): “Deepfakes” (manipulierte Video oder Audio-Aufnahmen) sowie KI-generierte “Fake-News”-Netzwerke erzeugen täuschend echte Falschinformationen in hoher Geschwindigkeit;
- Neurowissenschaftliche Erkenntnisse: Die Nutzung von psychologischen “Triggern” wie Angst, Empörung oder Bestätigungsfehler (“Confirmation Bias”), um emotionale statt rationale Reaktionen hervorzurufen.
Eine der subtilsten und wirksamsten Methoden innerhalb der kognitiven Kriegsführung ist die sogenannte “reflexive Kontrolle” (“Reflexive Control”), deren Konzept ursprünglich aus der sowjetischen Militärdoktrin der 1960-er Jahre stammt — maßgeblich geprägt durch den sowjetisch-amerkanischen Mathematiker, Psychologe und Kybernetiker Wladimir Alexandrowitsch Lefebvre — sowie bis heute ein zentraler Baustein der russischen hybriden Kriegsführung ist.
Kernprinzip der “reflexiven Kontrolle” ist, den Gegner so zu manipulieren, daß er aus freiem Willen eine Entscheidung trifft, die er für logisch und für sich selbst vorteilhaft hält, die aber in Wirklichkeit genau den Zielen des Angreifers dient.
Im Gegensatz zu simpler Täuschung (“Maskirovka”), bei der einfach Fakten versteckt oder gefälscht werden, greift die reflexive Kontrolle den Denkprozess sowie den „Filter“ des Gegners an, wozu der Angreifer ein präzises psychologisches und doktrinales Modell des Opfers aus dessen Ängsten, moralischen Schranken, logischen Mustern sowie Vorurteilen) erstellt. Anschließend speist der Angreifer gezielt Informationen, Drohungen oder Reize in das System des Gegners ein, um dessen Lagebild zu verzerren, auf dem das Opfer daraufhin die „optimale“ Reaktion berechnet – aber nicht merkt, daß seine “Rechnung” von Anfang an manipuliert war.
Die wichtigsten Taktiken und Mechanismen dabei sind:
- Überlastung (“Overload”): Das Fluten des Gegners mit riesigen Mengen widersprüchlicher Informationen, um seine Entscheidungsfindung zu verlangsamen oder komplett zu lähmen;
- Ablenkung (“Distraction”): Das Inszenieren einer scheinbaren Bedrohung an einem Nebenschauplatz, damit der Gegner dort Ressourcen bindet;
- Provokation: Den Gegner zu einer emotionalen oder überstürzten Überreaktion verleiten, die ihn international diskreditiert oder rechtlich ins Abseits stellt;
- Spaltung (“Division”): Das gezielte Ausnutzen von Meinungsverschiedenheiten innerhalb von Bündnissen (wie der NATO oder der EU), um eine geschlossene Antwort zu verhindern;
- Befriedung/Einschüchterung (“Deterrence & Pacification”): Dem Gegner zu suggerieren, daß jeder Widerstand zwecklos ist oder zu einer totalen Eskalation (z. B. einem Atomkrieg) führen würde, damit er untätig bleibt.
Schon der preußische Generalmajor Carl von Clauswitz schrieb in seinem Hauptwerk (Buch 6, Kapitel 5): „Der Eroberer ist immer friedliebend (wie Bonaparte auch stets von sich behauptet hat), er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein; damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den Krieg wollen und also auch vorbereiten […]“.
Der derzeitige Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation sowie Erste Stellvertretende Verteidigungsminister, Armeegeneral Waleri Wassiljewitsch Gerassimow hat 2013 mit seiner sogenannten “Gerassimow-Doktrin” die historische sowjetische Theorie der “reflexiven Kontrolle” aus den 1960-er Jahrenaufgegriffen und sie durch moderne Informationstechnologien (Social Media, Cyber-Operationen) ins 21. Jahrhundert übertragen. Er operationalisierte dabei die Idee, das Lagebild des Westens durch strategisch inszenierte Narrative so zu verzerren, daß dieser gelähmt oder zu Fehlentscheidungen verleitet wird.
Seine zentralen Thesen sowie deren Bezug zur kognitiven Kriegsführung umfassen:
- Verschwimmen der Grenzen von Krieg und Frieden: Moderne Konflikte werden nicht mehr formal erklärt, sondern beginnen verdeckt, so daß es demokratischen Staaten schwerfällt, rechtzeitig sowie völkerrechtlich legitimiert zu reagieren;
- Asymmetrie und nicht-militärische Mittel: Gerassimow betont, daß das Verhältnis von gleichzeitig koordinierten nicht-militärischen (politischen, wirtschaftlichen, informationalen, humanitären) zu klassischen militärischen Maßnahmen bei 4:1 liegen sollte;
- Information als Waffe: Der gezielte Einsatz von Desinformation, Cyber-Aangriffen und psychologischer Manipulation soll das gegnerische Land von innen heraus destabilisieren, noch bevor der erste Schuss fällt: Ziel ist es, das kognitive Potenzial des Feindes vollständig zu lähmen.
“Kognitive” Kríegführung, “reflexive Kontrolle” sowie “Gerassimow-Doktrin” bilden so die wesentlichen Bestandteile der “hybriden” Kriegführung Rußlands gegen NATO und EU, die konventionelle militärische Gewalt mit verdeckten, nicht-militärischen sowie asymmetrischen Mitteln verbindet, um ihre Schwachstellen gezielt auszunutzen, während die Schwelle zu einem offenen Krieg bewusst unterschritten wird und durch Nutzung von Stellvertretern (“Proxies”), Hackern oder Soldaten ohne Hoheitsabzeichen — wie 2014 die „grünen Männchen“ auf der Krim — die Urheberschaft des Angriffs offiziell abgestritten werden kann.