Oberst a.D. Uffelmann
Am letzten Mittwoch, dem 22. April 2026 haben Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, der Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer sowie der Staatssekretär für Aufwuchs der Bundeswehr, Haushalt und Verteidigungspolitik Nils Hilmer folgende Grundlagendokumente zur strategischen Ausrichtung der Bundeswehr vorgestellt:
- Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung
- Personeller Aufwuchsplan der Bundeswehr
- Strategie der Reserve
- Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda für den Geschäftsbereich des BMVg
Die vorgestellte Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung ist dabei nur der öffentlich zugängliche Teil der erstmals so bezeichneten Militärstrategie der Bundeswehr sowie des daraus abgeleiteten Plans für die Streitkräfte, des sogenannten Fähigkeitsprofils der Bundeswehr, während die vollständigen Versionen dieser Militärstrategie und dieses Fähigkeitsprofils „GEHEIM“ eingestuft sind, um die Sicherheit sowie Interessen der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bündnispartner zu schützen.
Die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung sowie die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda enthalten auch einige Aussagen zu
- Digitalisierung des Gefechtsfeldes und Vernetzung,
- Kampf um Informationsüberlegenheit sowie Erhöhung der Informationsgeschwindigkeit,
- Digitalisierung von Verwaltungsabläufen und Arbeitsweise,
- Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI),
von denen die Wesentlichsten nachfolgend vorgestellt werden.
In der Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung wird im Kapitel „4. Kriegsbild“ die Digitalisierung des Gefechtsfeldes als einer seiner Eckpunkte beschrieben, die ein Erkämpfen von zeitlich sowie räumlich begrenzter Informationsüberlegenheit zur Schaffung von Führungs- und Wirkungsüberlegenheit erfordert, um die Initiative zu erlangen sowie zu behalten. Hieraus wird „Kampf um Information und Daten“ als eine Folgerung für die Bundeswehr abgeleitet, wobei Informationsüberlegenheit gewonnen sowie dem Gegner verwehrt werden muß. Dazu müssen offensive und defensive Fähigkeiten insbesondere in den Dimensionen „Weltraum“ sowie „Cyber- und Informationsraum“ ausgebaut werden, weil Aufklärung sowie der Elektromagnetische Kampf Hebel für alle anderen Dimensionen sind, deren bruchfreie und jederzeitige Verfügbarkeit sowie Integrität und Schutz entscheidend sind. Zudem ist der Einsatz Künstlicher Intelligenzzwingend, um Massendaten sowie große Komplexität für die militärische Entscheidungsfindung beherrschbar zu machen, wobei die Verlässlichkeit und Integrität der Daten sowie Datenverarbeitung wesentliche Voraussetzungen sind.
Im Kapitel „8. Weg zur stärksten konventionellen Armee Europas“ werden Kampf um Informationsüberlegenheit und Erhöhung der Informationsgeschwindigkeit sowie Vernetzung und Digitalisierung als zwei der zunächst für die Streitkräfteplanung umsetzenden Nationalen Fähigkeitsziele auf dem Weg zu den stärksten konventionellen Streitkräften Europas aufgeführt.
Hierzu sollen offensive sowie defensive Fähigkeiten zum Gewinnen und Erhalten der Informationsüberlegenheit in allen Dimensionen unter Nutzung Künstlicher Intelligenz sowie die hierzu notwendigen boden- und weltraumgestützten Fähigkeiten mittels einer durchgehenden Cloud-basierten IT-Plattform sowie resilienter, redundanter Kommunikationssysteme („Digital Backbone“)geschaffen und ausgebaut werden, wobei bei der Realisierung konsequent die „Digitale Souveränität“ angestrebt werden soll.
Als strategisches Grundlagendokument ist die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung – kaum überraschend – vergleichsweise wenig konkret, sondern vor allem grundlegend sowie enthält insofern – zumindest der öffentlich zugängliche Teil – keine konkreten Maßnahmen, weil sie als „Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte“ nur die Linien vorgeben soll, statt in „Mikro-Planungen“ zu zerfasern. In diesem Sinne ist sie tatsächlich vor allem grundlegend sowie richtungsweisend und definiert die neue Zeit für die Bundeswehr. Nun gilt es allerdings ihre Umsetzung zu realisieren, damit die Bundeswehr als zukünftig stärkste konventionelle Armee Europas tatsächlich das durch die neue Ausrichtung der USA in Europa entstehende Vakuum füllen kann.
In der Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda, die unter Einbeziehung von Vorschlägen aus Truppe sowie Wehrverwaltung erarbeitet wurde – ergänzt durch Beiträge einer Gruppe aus Professorinnen und Professoren der Universitäten der Bundeswehr sowie Empfehlungen der sogenannten „Weißblattgruppe“ aus Generalstabslehrgangs-Preisträgern, wird in den Kapiteln „1. Entschieden gegen unnötige Bürokratie vorgehen: Mut zum Weglassen und Vereinfachen“, „5. Einfach und digital arbeiten: Arbeitsweisen digitalisieren und Abläufe beschleunigen“ sowie „6. KI intelligent einsetzen: Routinen automatisieren und beschleunigen“ die Digitalisierung von Verwaltungsabläufen sowie Arbeitsweise und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) adressiert.
Bundeswehrinterne Verwaltungsprozesse sowie Fachabläufe sollen konsequent digitalisiert werden, wodurch Kapazitäten für die Erfüllung des Kernauftrags freigesetzt werden sollen. Die Digitalisierung von Verwaltungsabläufen ist ein besonders umfangreiches Handlungsfeld, weshalb 24 Einzelmaßnahmen mit dazugehörigen Umsetzungsschritten festgelegt werden, die zwischen von sofort bis in 48 Monaten erreicht werden sollen: PDF-Formulare sollen durch automatisierte digitale Workflows ersetzt, Papierakten digitalisiert, Dienstreisegenehmigungen und Schadensbearbeitungen vollständig elektronisch abgewickelt werden – geplant ist außerdem ein zentrales Informationsportal, das bestehende Plattformen wie das Bw-Intranet, SharePoint und WikiBw zusammenführt.
Bei der Digitalisierung der Arbeitsweise soll die Vision einer digitalen Organisation verwirklicht werden, die reibungslos im Hintergrund funktioniert sowie durch die Nutzenden als selbstverständlich angenommen wird. Durch konsequente „Ende-zu-Ende-Digitalisierung“ und die Beseitigung von Medienbrüchen soll Geschwindigkeit zum Anspruch gemacht werden – weniger Doppelerfassung von Daten sowie Informationen, weniger Papier, weniger Wartezeiten. Mit der „One-App-Bw“ und sicherem, mobilem Zugang zum Bundeswehrnetz soll so der zentrale, hürdenfreie Einstieg in digitale Dienstleistungen für die bei der Bundeswehr Beschäftigten geschafft werden. „Analoges“ soll dabei automatisierten „Workflows“ sowie digitalen Lösungen weichen, wie dem „Bw-Wallet“ und dem „Digitalen Schreibtisch“. Digitalisierte Arbeitsweise sowie Abläufe sollen so die bei der Bundeswehr Beschäftigten von Routinearbeiten entlasten und Kapazitäten für die Erfüllung des Kernauftrags freisetzen.
Dazu werden 21 Einzelmaßnahmen mit dazugehörigen Umsetzungsschritten festgelegt, die zwischen von sofort bis in 48 Monaten erreicht werden sollen.
Künstliche Intelligenz (KI) soll das Werkzeug werden, um die Informationsflut zu beherrschen, Arbeitsabläufe zu beschleunigen und so mehr Kapazitäten für die Erfüllung des Kernauftrags freizusetzen. Dazu soll der flächendeckende Zugang zu dieser Technologie durch einen modularen „KI-Agenten-Baukasten“ ermöglicht werden sowie eine Plattform zur sicheren Nutzung von KI für den gesamten BMVg-Geschäftsbereich bereitgestellt werden. Intelligente Assistenzsysteme sollen bei der Auswertung großer Datenmengen und bei der Automatisierung von Standardaufgaben unterstützen, sodaß Routinen im Hintergrund laufen sowie die bei der Bundeswehr Beschäftigten mehr Zeit für Entscheidungen, Bewertungen und Führungsaufgaben haben. Dieser Wandel soll mit einer Qualifizierungsoffensive begleitet werden und so der souveräne Umgang mit KI zur Standardkompetenz gemacht sowie die technologische Handlungsfähigkeit gestärkt werden.
Dazu werden 11 Einzelmaßnahmen mit dazugehörigen Umsetzungsschritten festgelegt, die zwischen von sofort bis in 42 Monaten erreicht werden sollen – von der E‑Mail-Bearbeitung über KI-gestützte Suchmaschinen bis hin zur automatisierten Vorlagenerstellung.
Finden Sie hier die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung
und die BMVg-Erläuterungen dazu
sowie die BMVg-Erläuterungen zum Personellen Aufwuchsplan der Bundeswehr
und zur Strategie der Reserve
sowie die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda für den Geschäftsbereich des BMVg und die BMVg-Erläuterungen dazu.
Ergänzend dazu ein Video-Statement des Bundesverteidigungsministers Boris Pistorius
und ein Interview mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer.
Weitere Informationen zur Vorstellung der Grundlagendokumente zur strategischen Ausrichtung der Bundeswehr finden Sie bei
augengeradeaus.net: Wehrressort stellt Grundlagendokumente vor: Planungen für schnelle Kriegstüchtigkeit
sowie bei defence-network.com: Bundeswehr: Das steht in der neuen Militärstrategie
und bei suv.report: Bundeswehr plant umfassende Entbürokratisierung und Modernisierung
Oberst a.D. Uffelmann ist 1. Stellvertretender Vorsitzender des Fernmelderings e.V. und Redaktionsleiter der „F‑Flagge“, dem Magazin des Fernmelderings e.V..